by Marie-Pascale

Als ich meine Laufbahn als Übersetzerin und Dolmetscherin Anfang der 80er Jahre startete, gab es noch Wörterbücher - Pons mit dem grünen Einband und Langenscheidt mit dem gelben -, die man sich ständig zur Rate ziehen konnte. Heute sind diese vollkommen von der Bildfläche verschwunden, zugunsten von digitalen Übersetzungs-Tools wie Google Translate oder DeepL. Was ist in den letzten vierzig Jahren passiert?

Damals interessierte mich vor allem das Verfahren, die Vorgehensweise des Übersetzens und ich hatte früh das Gefühl, dass das Verfahren ein defizitäres sei, weil die Sprachen nicht miteinander kompatibel sind. Die Tatsache, dass die Sprachen nicht kompatibel sind, ist jedoch nicht die einzige Hürde beim Übersetzen. Es gibt auch persönliche Hürden. Die Grenzen einer Persönlichkeit: ich bin eine Frau, eine Französin, ich höre gerne Musik, besuche Kunstaustellungen und male gerne. Ich übersetze in verschiedenen Sprachen, Deutsch, Englisch und spanisch. Ich jongliere sozusagen mit den Sprachen. Der Übersetzer übersetzt stets im Rahmen seiner Persönlichkeit mit all seinen biografischen Merkmalen. Er muss die Gegebenheiten verinnerlichen, die Inhalte einverleiben.

Alexander Sergejewitsch Pushkin

Ein professioneller Übersetzer muss den Text verstehen und ihn nach seinem Verständnis interpretieren. Das führt zu einer Symbiose empirischen Vorstellungen von Sinn und Kraft. Zwischen der Ausgangssprache und der Zielsprache befindet sich der Leser oft mit dem Übersetzer in einem sprachlosen Zustand. Das Ergebnis ist oft Geschmacksache, es gefällt mehr oder weniger.

Ich finde es immer noch schwierig eine zutreffende Definition für das Übersetzen zu finden, man beschränkt sich immer auf eine Metapher. Allein durch das Präfix tra, oder trans (auf Deutsch über) hat man die Vorstellung eines Transports von einem Land in das nächste. Der russische Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799-1837) soll gesagt haben, dass die Übersetzer die Postpferde der Weltliteratur sind. Aber es stellt sich die Frage, ob Postpferde die Fracht unversehrt transportieren können oder wie viel auf der Strecke bleibt

Auch Goethe fand dieses ewige Jammern, dass das Übersetzen eine unvollkommene Sache ist, entsetzlich nervenaufreibend. Daher stellt sich die Frage, warum wird dann immer weiter übersetzt, seit Tausenden von Jahren, und das die Sprachen nicht kompatibel sind, das war schon Wilhelm von Humboldt klar „Die Sprachen sind die Arbeit des Geistes“.(1)

Während meines Studiums habe ich gelernt, dass jedes Handwerk seinen heiligen Schutzpatron hat, ob Bäcker oder Bergleute. Mein Schutzpatron der Übersetzer ist der heilige St. Hieronymus. Er hat im Auftrag des Papstes die drei vorhandenen Heiligen Schriften neu übersetzt, hebräisch, griechisch und lateinisch und in der Vulgata vereint. Ich verleihe dem, was ich übersetze meinen unverwechselbaren Geschmack, ich bin die Dritte im Bunde: das Original – der Übersetzer – die Übersetzung. Die Übersetzung will nicht ein Doppelgänger sein, ein Phantom des Originals, das Original ist unsterblich, während die Übersetzung sterblich ist, ephemer.

Kathpedia Sophronius_Eusebius_Hieronymus

Das kann man am Beispiel der Übersetzungen von Baudelaire’s „Les Fleurs du mal“ sehr genau beobachten. Die ersten Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert, z. B. Stefan George oder Walter Benjamin sind unzulänglich, denn sie lassen sehr viel Spielraum für Interpretation übrig. Mittlerweile sind viel bessere Übersetzungen erschienen, z.B. die von Monika Fahrenbach-Wachendorff (2) gibt meines Erachtens den atmosphärische Kontext der „Blumen des Bösen“ viel besser wieder.

Es ist verfälscht, wenn man behauptet, Übersetzen sei unmöglich, aber es nur in bestimmten Grenzen und in einem bestimmten Rahmen möglich. Man täte auch gut daran, die Übersetzung der Bibel durch Luther zu überprüfen bzw. an die heutige Zeit anzupassen.

Die Griechen kannten keinen Reim, die moderne Literatur wohl, und das macht die Tätigkeit des Übersetzens nicht einfach. Wer sich daran setzt, die Alexandriner von Cyrano de Bergerac zu übersetzen, hat eine schwere Tat zu bewerkstelligen. Ich persönlich bin entzückt von dem Reim, vom Wunder der Sprache.

Nun stellt sich die Frage: Werden digitale Übersetzer die Sprache jemals in ihrer vollen Komplexität erfassen können? Es bleibt spannend zu beobachten, wie schnell sich die intelligenten Systeme weiterentwickeln werden. Wird es in Zukunft nicht mehr notwendig sein, Fremdsprachen zu erlernen, da die neue Technologie uns diese Aufgabe vollständig abnehmen wird?

Künstliche Intelligenz (KI) revolutioniert gerade in der aktuellen Corona-Situation ganze Industriezweige maschinelles Übersetzen, Sprachassistenten erleben einen Boom. KI analysiert einzelne Wörter, Syntax und Grammatik und klassifiziert die Auswertung in Form eines Baumdiagrammes. Die Elemente werden dann in die Struktur der Sprache überführt, in die übersetzt werden soll.

Digitale Übersetzungsprogramme werden im Unternehmenskontext bereits umfangreich eingesetzt, mit immer präziseren Ergebnissen. Um eine Erst-Übersetzung von Dokumenten vorzunehmen. Diese wird dann von einem Menschen auf Grammatik- und Schönheitsfehler überprüft und korrigiert. Man spricht hier vom Posteditieren. Neutrale, leicht verständlich geschriebene Texte können durch maschinelle Translation bereits sehr zuverlässig übersetzt werden.

Ich stimme zu, dass für die Übersetzung von Sachtexten das Einsetzen von künstlicher Intelligenz wie Google translate oder DeepL eine große Hilfe ist, aber wenn es um Poesie geht, lassen die digitalen Übersetzungen viel zu wünschen übrig. Bei emotionalen, komplizierten oder humorvollen Texten geraten die Algorithmen sehr schnell an ihre Grenzen.

Zugleich bangen Übersetzer und Dolmetscher um ihre Lebensgrundlage. Könnten digitale Übersetzungsprogramme die Berufung bald überflüssig machen? Beim Übersetzertag im Literarischen Colloquium Berlin im Jahr 2019 ist eine künstliche Intelligenz gegen einen Dolmetscher angetreten. Noch konnte der Mensch den Sieg einholen. Es war jedoch ein knappes Rennen, denn Digitale Übersetzer haben ihre Qualität in den letzten 15 Jahren erheblich gesteigert

Die gute Nachricht zuerst: Noch schlägt der Mensch die Maschine. Bei guten Übersetzungen fließt viel Herzensblut. Vor diesem Hintergrund würde ich nie literarische Übersetzungen der KI allein überlassen. Meine Daseinsberechtigung nach dem Motto:“ Je traduis donc je suis“.